18.02.2022, 10:45   #1
Hallo

Mich beschäftigt derzeit ein Gedanke zur Photographie in zoologischen Gärten.

Ausschlaggebend war ein Kommentar von Günter:

„wenn man schon im Zoo Tiere fotografiert, dann so dass es nicht wie in einem Zoo aussieht,“.

Nun geht mir der Gedanke im Kopf herum „Warum eigentlich?“
Warum soll eine Aufnahme eines Tieres im zoologischen Garten so aussehen wie in freier Wildbahn? Was spricht dagegen auch zu zeigen, dass das photographierte Tier in einem Zoo gehalten wird?

Für mich selber habe ich vor Jahren entschlossen keine Zoos mehr zu besuchen. Das resultiert aus dem Bild eines Gepards in der Wilhelma der den ganzen Tag im Kreis läuft, immer am Zaun entlang. Ich denke da darf durchaus das tatsächliche Umfeld sichtbar sein.

Ohne den Hintergrund des Photographen zu kennen und seine Motivation wird es schwierig eine pauschale Aussage zu treffen.

 

Wie seht Ihr das?

 

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden. Das ist kein Angriff auf Günter für seine Aussage. Ich selber kann seine Aussage selber nachvollziehen und sah das bisher ähnlich. Sie hat mich aber ins grübeln gebracht.

 

Gruß

Andreas

18.02.2022, 11:51   #2

Hobbyfotograf

@Andreas Friedrichs

 Um ehrlich zu sein, frustrieren mich die Bilder von den Tieren in "Gefangenschaft" immer ein wenig. Das gilt insbesonder für große Katzen und Bären, aber auch Affen wirken auf mich oft lethargisch.

Ich finde Günter´s Ansatz eigentlich ganz gut und das ist sicher bei vielen Fotos auch machbar, trotzdem wird es den Eindruck, den die Tiere auf mich machen nicht bessern.

Klar, nicht jeder kann oder will sich eine Safari gönnen um die "big five" zu fotografieren. Insgesamt ist die Fotografie im Zoo immer ein Kompromiss. Es gibt da richtig gute Fotos, ohne Zweifel, aber viele wirken einfach nur lieblos "geknipst".

Ich habe mich im Zoo mal mit einem Fotografen unterhalten. Er hatte sein Platz am Affenfelsen bereits eingenommen, als ich ankam und wartet immer geduldig, als ich gehen wollte. Wir haben dann ein wenig geplaudert und er hat mir nicht ohne Stolz seine "Ausbeute" gezeigt. Er hatte ein langes Zoom so ca. 150 - 400 mm Vollformat an einer APC Kamera. Er hatte Bilder geschossen, die echte Hingucker waren. Keines erweckte den Eindruck von Zoo. Die offene Blende stellte die Tiere extrem frei und die Bilder wirkten auf mich wirklich natürlich und hätten auch in freier Wildbahn entstanden sein können.
Er erzählte mir, das er meist nur ein oder zwei Gehege am Tag schafft. Man müsste halt Geduld haben und warten auf den richtigen Augenblick. Die Bilder gaben im absolut recht.

 

18.02.2022, 14:24   #3

Hobbyfotograf

Ich kann mit Aufnahmen aus einem Zoo immer wenig anfangen. Deshalb kommentiere ich sie auch fast nicht. Meine Sichtweise hat sich jedoch auch im Laufe des Lebens gewandelt. In meiner Kindheit, als Großstadtbewohner, war ich gerne im Zoo. Das war ein willkommener Ausgleich zur direkten Großstadt. Im Zoo gab es Bäume, Grün, Wiesen, Parks und natürlich die entsprechenden Tiere in mehr oder weniger „realer“ Umgebung.

Nun lebe ich jedoch schon über 40 Jahre auf dem Land, wirklich auf dem Land und fernab der nächsten Wohnbebauung. Damit verschiebt sich auch die Wahrnehmung. Die in Europa üblichen Wildtiere laufen durch meinen Garten, Schafe stehen auf nahezu riesigen Weiden, von meinem Schreibtisch sehe ich wie das Eichhörnchen seinen Wintervorrat anlegt. Damit empfinde ich im Zoo jetzt nur noch Enge. Bei Tieraufnahmen setzt sich diese Enge fort.

Gruß Leo

18.02.2022, 15:55   #4
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1995 herum drehten wir mal an einer Folge für Peter Lustig im Zoo in Berlin, Thema Schlangen, in einer Pause gleich nebenan das Wolfsgehege , da rannte ein grosser Wolf immer im Kreis herum, am Gitter blieb er manchmal stehen und schaute mich mit einem herzzereissenden traurigen Blick an, vergesse ich nie , bin auch nie wieder in einen Zoo, deshalb sehe ich diese Zoofotos hier mit gemischten Gefühlen an .
31.03.2022, 08:07   #5

Hobbyfotograf

Tja, das Halten von Tieren in Zoologischen Gärten ist sicherlich ein vielschichtiges Problem, über das man lange diskutieren kann, ohne zu einem befriedigenden und validen Ergebnis zu kommen. Letztendlich sind es immer nur "Meinungen" (ähnlich wie bei schlecht kommentierten Bildern 🙂 ).
Zum einen sind es diese Tiere ja nicht anders gewöhnt, da es kaum noch Wildfang gibt; sie sind also im Zoo geboren. Und sie sind sehr wohl behütet. In guten Zoos haben sie ein Leben ohne großen Stress. Gerade die großen Zoos, wie der in Berlin, bauen immer größere und für die Tiere interessantere Gehege. Den Wolf, der nur im Kreis herumrennt gibt es hier nicht mehr.


Anders sieht das in Freier Wildbahn aus. Wir Menschen haben es ja geschafft, ihnen fast überall auf dieser Erde den Lebensraum einzuschränken oder ganz zu nehmen. Sie kämpfen täglich ums Überleben....ob das so erstrebenswert ist....


Wir selbst halten Hunde, Katzen, Hasen, Vögel und Hamster oftmals unter beengten und erbärmlichen Umständen. Pferde stehen oftmals 23 Stunden am Tag in ihren Boxen. Das alles ist meist auch nicht allzu viel besser als die immer mehr versuchte "artgerechte" Haltung in den Zoologischen Gärten, was immer das auch bedeutet.
Ich versuche jedenfalls, Zootiere bzw. überhaupt Tiere so zu präsentieren, dass sie ihre Seele und Schönheit zeigen können und meine Liebe zu jedem dieser Wesen ersichtlich wird.

31.03.2022, 11:03   #6
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@Olaf Hofmann

 Hallo Olaf !
Du sprichst mir aus dem Herzen! Genau wie Du, denke ich auch. Danke für Deinen Beitrag!
LG Okasa

01.04.2022, 11:20   #7

Hobbyfotograf

@Karl-Heinz Sauer Das freut mich 🙂 Und dabei habe ich noch ein ganz wichtiges Thema vergessen: die meisten, die sich über die ach so schlimmen Zoologischen Gärten aufregen, packen sich dann beim Mittagessen ein "saftiges"Steak oder ein schönes Schnitzel usw. auf ihren Teller.....mehr brauche ich dazu und der entsprechenden Tierhaltung ja wohl nicht zu sagen. Dagegen sind die Zoos wirklich ein Paradies !

 

01.05.2022, 21:23   #8
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Zoo und Zoo sind zwei verschiedene Dinge. In einem modern geführten Zoo leben meiner Meinung nach die Tiere viel entspannter wie in Freiheit. Das mag nicht für alle zutreffen, aber nehmen wir mal den Löwen als Beispiel. Ein Männchen kämpft ständig gegen Nebenbuhler und wenn die gewinnen, werden seine eigenen Nachkommen getötet. Nun ja, dass ist Natur und die kann noch ganz anders. Große Trockenzeiten lassen auch das Löwenrudel viele Opfer bringen, ganz zu schweigen von Parasiten. Zecken, Dasselfliegen, diverse Stechfliegen und Mücken. Sie alle machen geschwächten Tieren den Garaus. Ganz zu schweigen von Wilderern. Ein vom Rudel ausgestoßener Löwe vegetiert mitunter Monate langsam dahin, bis er ausgemergelt und geschwächt langsam verstirbt. Leider gibt es immer noch Tierparks, wo einem die Tränen kommen. Ich fotografiere gern in kleinen Tierparks oder Gehegen, wo hauptsächlich heimische Tiere in weitläufigen Anlagen gehalten werden. Was will ich sagen? Die Zootierfotografie kann einerseits eine Bereicherung und anderseits zum abgewöhnen sein. Kommt eben darauf an wo man hingeht.
02.05.2022, 08:04   #9
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Wolfram, Du sprichst mir aus der Seele! Danke!
Gruß Okasa
02.05.2022, 11:20   #10
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@Karl-Heinz Sauer

 Das freut mich.

02.10.2022, 11:17   #11

Hobbyfotograf

In der Fragestellung bzw der dazugehörigen Erklärung von Andreas sehe ich zwei verschiedene Grundsatzfragen:
Die Frage der Zoohaltung von Tieren sollte anders wo diskutiert werden und erfordert neben der Berücksichtigung des Mainstreams wohl auch einiges Fachwissen. Wie jeder Einzelne dazu steht ist natürlich persönliche Ansicht.
Die fotografische Frage wie ich ein Tier im Zoo fotografiere hängt sicherlich vom gewünschten Bildausdruck ab. Will ich ein Foto das ein Tier in freier Wildbahn vortäuscht oder will ich das Leben (Leiden) der Tiere im Zoo thematisieren? Beides hat etwas für sich.
02.10.2022, 19:59   #12
Also ich bin gegen Zoobilder. Es stört mich einfach das ein Delphin in freier Wildbahn fast 300km am Tag schwimmt und dann in einem Becken von 50 m gefangen gehalten wird. Oder anders gesagt, ein Zebra läuft in freier Natur ca 100 km am Tag, wie soll das in einem Zoo funktionieren.
Gruss Carlo
02.10.2022, 20:11   #13

Hobbyfotograf

Mit Delphin u Zebra hast du natürlich völlig recht, Carlo. Allerdings ist das keine fotografische Frage, sondern wie ich schon oben geschrieben habe von den zuständigen Fachleuten abzuwägen ob und wie solche Tiere in Gefangenschaft gehalten werden sollen/dürfen. Hier wollten wir uns auf die fotografische Diskussion beschränken, wie Zooaufnahmen gestaltet werden sollen. Selbstverständlich respektiere und achte ich deine Haltung, dass du aus den von dir genannten Gründen generell nicht im Zoo fotografierst
06.10.2022, 22:34   #14
Ob Landschaftsaufnahmen, Makro, Sportaufnahmen oder Porträts - es geht immer darum, das Hauptmotiv ohne störende Elemente schön und der fotografischen Idee gemäß ins Bild zu setzen.
Niemand käme wohl auf die Idee ein schönes Gebäude im Bild durch eine störenden Baustellentafel zu verunstalten. Jeder würde doch seinen Fotostandpunkt verändern oder andere Maßnahmen ergreifen um das störende Bildelement auszublenden. 
Es ist immer eine Frage der fotografischen Skills, wie und wie perfekt das geschieht. Der einfachste Weg ist oft, die Beine zu benützen und einen besseren Standpunkt zu wählen. Technisch stehen uns Belichtungszeit, Brennweite und Blende zur Verfügung um das gewünschte Ergebnis zu erreichen.
Wie jedes andere Motiv, so können auch Zootiere lieblos mit unpassend hässlichem HG oder VG "abgeknallt" werden. Wer kreativ ist, wird in fast jedem Zoo, fast jedem Gehege durch intelligente Anwendung der obgenannten Tools schöne, ansprechende Tierbilder zustande bringen. Eine gute Ausrüstung erleichtert das, ist aber nicht unabdingbar notwendig. Vom Handy bis zur Profiausrüstung geht die Bandbreite und in Grenzbereichen ist manchmal das Handy der ProCam mit Makroobjektiv überlegen.
Wer aus ethischen Gründen Zoos ablehnt sollte dort nicht hingehen um zu fotografieren. Teure Safarireisen in die bekannten Reservate bringen auch keine Fotos von Tieren in freier Wildbahn, denn die Reservate sind im Grunde nichts anderes als Zoos mir riesiger Ausdehnung. Dort werden die "Kunden" in Jeeps gepfercht in den Käfig hineingelassen und zu den Tieren gekarrt
Zu bedenken wäre da noch die arterhaltende Leistung der Zoos, die Tierarten - wie zum Beispiel die gewissenlos abgeknallte schöne Mhorrgazelle von nur mehr 7 lebenden Exemplaren - durch Züchtung wieder auf einen nennenswerten Bestand bringen konnte. Alle reden vom Artensterben und wenn sich Einrichtungen wie Zoos darum kümmern kommen kontraproduktive Argumente auf.
Auch die pädagogische Seite der Zoos wird gerne übersehen. Sehen, erklären und begreifen von, nicht nur heimischen, Tieren ist nun mal im Zoo der praktikabelste Weg. Als ehemaliger fotografierender Zoomitarbeiter weiß ich, was im Zoo getan wird, um den Tieren ein möglichst naturnahes und angenehmes Dasein zu ermöglichen.
07.10.2022, 13:33   #15
@Alfred
Genau es geht eigentlich gar nicht um diese Grundsatzfrage ob Zoo ja oder nein. Es geht um die photograpische Frage.
Gerade da ja ab und an hier "absolute" Sätze formuliert werden sehe ich da schon den Bedarf sich da mit anderen auszutauschen.
Danke, dass Du das Thema wieder aktiviert hast.

@Norbert
Geht es immer darum, das Hauptmotiv ohne störende Elemente ins Bild zu setzen?
Was ist das störende Element? Nur der Zaun oder die Futterkrippe oder der ganze Zoo?
Für das Tier im Zoo ist das Gehege, der Käfig oder die Voliere der Lebensraum. Darf man das nicht auch so zeigen?
Darum dreht sich ja meine Fragestellung basierend auf den Satz von Günther: "„wenn man schon im Zoo Tiere fotografiert, dann so dass es nicht wie in einem Zoo aussieht,“
Ich stelle die Frage einmal anders, müssen wir eine Illusion erschaffen?
Dein Beispiel mit dem Baustellenschild implementiert ja die Absicht was zu verunstallten. Meine Erfahrung ist eher, dass störende Elemente bei der Aufnahme oftmals nicht wahrgenommen werden. Wenn etwas mit Absicht gemacht werden soll ist es oftmals sehr sehr schwierig. Warum auch immer.
07.10.2022, 13:46   #16

Hobbyfotograf

Wunderbar! Freue mich sehr dass ich einen kleinen Beitrag leisten konnte, die Diskussion wieder auf die ursprüngliche Frage zu lenken. Noch mehr freut mich dass jetzt das fotografische Thema,

„wenn man schon im Zoo Tiere fotografiert, dann so dass es nicht wie in einem Zoo aussieht,“

abstrahiert und auf die gesamte Fotografie ausgeweitet wurde,

"müssen wir eine Illusion erschaffen " ?

Bin mir sicher dass zu dieser (für mich) fotografischen Grundsatzfrage viele interessante Diskussionsbeiträge und Meinungen kommen werden.
07.10.2022, 14:05   #17
Deine Frage nach der Illusion ist eindeutig mit ja zu beantworten. Bilder sind immer ein Abbild einer Wirklichkeit , also eine Illusion, Eine Illusion, welche die individuelle Sichtweise des Fotografen, der Fotografin auf dieses Motiv wiedergibt. Es kommt halt darauf an, was das Auge hinter der Kamera darstellen möchte. Soll die Verunstaltung des berühmten Gebäudes durch das hässliche Baustellenschild in einer Art Reportagefoto dargestellt werden oder soll die künstlerisch erhabene Architektur ohne Ablenkendes voll zur Geltung kommen. Wer im Zoo Tiere fotografiert, will entweder das Geschöpf oder die Lebensumstände im Zoo den Betrachtern übermitteln. Diese Freiheit hat jeder/jede.
Mir persönlich geht es um ein Foto bei dem die ganze Pracht eines Geschöpfes mit seinem möglichst natürlichen Habitat und ohne ablenkende Artefakte wie Gehegegrenzen im Vordergrund steht. Wer das nicht will, dem sei es unbenommen in seinen Bilder alle möglichen Beton- oder Metallteile in sein Bild einzubauen. Das kann jetzt unabsichtlich aus mangelnder Fototechnik und Kenntnissen oder ganz bewusst als Bildelement stattfinden.
Ich nehme für mich in Anspruch meine Bilder möglichst frei von Artefakten zu gestalten, die meiner Meinung nach störend sind. Das ist oft eine Herausforderung und schwieriger als sich in einem Großgehege mit einem Jeep bis vor das Löwenrudel transportieren zu lassen um dort die "wahren und echten" Tierbilder zu machen.
Mein Credo lautet: Tierbilder im Zoo sollen möglichst nahe an das Leben in freier (!) Wildbahn herankommen. Das ist manchmal mühsam, aber es lässt sich erlernen. Wer das nicht will, muss es ja nicht. "Der Kunst ihre Freiheit" lautet ein Spruch auf der Wiener Sezession von Künstlern wie Otto Wagner oder Egon Schiele. Daran sollten sich alle halten und keine Vorschriften für andere generieren.
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