Immer wieder hört man die Behauptung: "Wenn man Bilder einfach liken kann, wird weniger kommentiert." Die Erklärung klingt zunächst logisch. Ein Like dauert eine Sekunde, ein Kommentar braucht Zeit. Also, so die Schlussfolgerung, klicken die Menschen lieber auf den Daumen, anstatt ein paar Worte zu schreiben. Nur: So einfach funktioniert es eben nicht. Diese Rechnung setzt schonmal etwas voraus, das niemand belegen kann: Dass aus einem Like automatisch ein Kommentar geworden wäre, wenn es keinen Like-Button gegeben hätte. Genau daraus folgt eine lange Kette von Denkfehlern.
Ein Like ersetzt nicht automatisch einen Kommentar
Wer ein Bild liked, hätte ohne Like-Button nicht zwangsläufig kommentiert. Vielleicht gefällt ihm das Bild einfach, ohne dass er etwas Besonderes dazu sagen möchte. Vielleicht fehlt gerade die Zeit für einen ausführlichen Kommentar. Vielleicht wurde bereits alles geschrieben, was ihm selbst dazu eingefallen wäre. Vielleicht fühlt er sich nicht sicher genug, eine fotografische Einschätzung abzugeben. Oder vielleicht möchte er schlicht genau das ausdrücken, wofür der Button da ist: "Gefällt mir." Ohne Like würde aus diesem Menschen deshalb nicht automatisch ein Kommentator. Sehr oft würde einfach gar nichts passieren. Die richtige Gegenüberstellung lautet also nicht: "Like oder Kommentar." Sondern häufig: "Like oder keine Reaktion." Und das ist ein erheblicher Unterschied.
Ein Like und ein Kommentar haben unterschiedliche Aufgaben
Die Bedeutung eines Likes:
Ein Like sagt: "Das gefällt mir."
Die Bedeutung eines Kommentars:
Ein Kommentar kann dagegen erklären: "Mir gefällt besonders die Lichtstimmung." "Die Perspektive funktioniert für mich sehr gut." "Ich hätte links vielleicht etwas enger beschnitten." "Wie hast du diese Aufnahme gemacht?" Ein Kommentar kann also viel mehr Informationen enthalten. Das macht den Like aber nicht überflüssig. Ein Händedruck ist schließlich auch kein Gespräch. Trotzdem würde niemand behaupten, Händeschütteln müsse abgeschafft werden, damit Menschen mehr miteinander reden. Der Like ist die einfache Form der positiven Rückmeldung. Der Kommentar ist die ausführlichere Form der Kommunikation. Beides kann nebeneinander existieren.
Der größte Denkfehler: Man betrachtet nur einen einzigen Klick
Die Vorstellung "Like statt Kommentar" sieht ungefähr so aus: Ein Nutzer sieht ein Bild. Er klickt auf "Gefällt mir". Er schreibt keinen Kommentar. Damit scheint die Sache abgeschlossen. Aber genau so funktioniert eine Community eben nicht. Denn auf der anderen Seite dieses Likes sitzt ein Mensch. Und der bekommt gerade eine Reaktion. Das löst eine ganze Kette von Aktionen und Reaktionen aus.
Was ein einziger Like auslösen kann
Stell dir vor, du bekommst ein Like von einem Mitglied, das du bisher kaum kennst. Du siehst die Benachrichtigung. Du klickst auf dessen Profil. Du schaust dir seine Bilder an. Eines davon gefällt dir. Du hinterlässt dort vielleicht selbst ein Like. Bei einem anderen Bild fällt dir etwas ein und du schreibst einen Kommentar. Nun bekommt wiederum der andere Nutzer eine Benachrichtigung. Er kommt zurück. Er beantwortet deinen Kommentar. Erschaut erneut bei dir vorbei. Vielleicht entdeckt er anschließend weitere Bilder anderer Mitglieder. Und schon ist aus einem einzigen Klick eine ganze Kette von Aktivitäten entstanden. Ein Like ist also nicht nur eine Reaktion. Es ist ein Auslöser.
Genau deshalb kann ein Like sogar Kommentare erzeugen
Das ist der Punkt, der bei der einfachen Rechnung fast immer übersehen wird. Natürlich kann es vorkommen, dass jemand denkt: "Eigentlich könnte ich etwas schreiben, aber diesmal reicht mir der Like." Das bestreitet niemand. Aber daraus folgt noch lange nicht, dass eine Plattform mit Likes insgesamt weniger Kommentare bekommt. Denn derselbe Like kann gleichzeitig andere Menschen zurückholen und dort neue Kommentare auslösen. Ein Beispiel: Angenommen, 100 Likes ersetzen tatsächlich fünf Kommentare, die sonst geschrieben worden wären. Wenn diese 100 Likes aber gleichzeitig Dutzende Menschen zurück auf die Plattform holen und daraus zehn neue Kommentare entstehen, sieht die Gesamtbilanz vollkommen anders aus. Dann wurden zwar an einer Stelle fünf Kommentare nicht geschrieben. An anderer Stelle sind aber zehn neue entstanden. Am Ende gibt es trotz Likes mehr Kommentare. Genau deshalb darf man nicht nur auf den einzelnen Klick schauen. Man muss die gesamte Wirkung auf die Community betrachten.
Soziale Rückmeldung erzeugt weitere soziale Rückmeldung
Dieses Prinzip ist auch aus Untersuchungen sozialer Netzwerke bekannt. Wer Rückmeldungen auf seine Inhalte erhält, wird eher wieder aktiv. Menschen antworten häufiger, reagieren häufiger auf andere und veröffentlichen häufiger neue Inhalte. Das ist eigentlich wenig überraschend. Wenn du ein Foto veröffentlichst und niemand reagiert, gibt es wenig Anlass, noch einmal nachzusehen. Wenn dagegen jemand dein Bild liked oder kommentiert, entsteht sofort ein neuer Grund zurückzukommen. Und mit jedem zusätzlichen Besuch entstehen neue Möglichkeiten: Du siehst weitere Fotos. Du entdeckst neue Mitglieder. Du likest. Du kommentierst. Du antwortest. Du kommst wieder. Eine Community lebt genau von solchen Rückkopplungen.
Wir haben diesen Effekt selbst erlebt
Auch bei uns zeigte sich ein interessantes Bild: Nach Einführung der Like-Funktion stieg die Zahl der Kommentare deutlich an - zeitweise um mehr als 200 Prozent. Das sind gemessene und belegbare Fakten. Also das Gegenteil dessen, was eigentlich hätte passieren müssen, wenn die einfache Theorie stimmen würde. Das bedeutet nicht, dass jeder Like einen Kommentar erzeugt. Es zeigt aber sehr deutlich, dass "mehr Likes = weniger Kommentare" grundlegend falsch ist. Mehr Möglichkeiten zur Interaktion erhöhen die gesamte Aktivität einer Community. Und mehr Aktivität schafft wiederum mehr Gelegenheiten für Kommentare.
Als die Likes fehlten, kamen die Kommentare nicht automatisch zurück
Auch die Gegenprobe haben wir gemacht. Es gab bei uns auch eine kurze Phase ohne die gewohnte Like-Funktion. Wenn die Theorie stimmen würde, müsste genau dann eigentlich die große Kommentierfreude beginnen. Schließlich gibt es keinen bequemen Button mehr. Doch Menschen werden nicht automatisch zu Kommentatoren, nur weil man ihnen eine andere Reaktionsmöglichkeit wegnimmt. Wer nichts schreiben möchte, schreibt nicht plötzlich einen ausführlichen Kommentar. Er reagiert im Zweifel einfach überhaupt nicht. Und genau das ist für eine Community die schlechteste Alternative.
Ein Foto ganz ohne Reaktion fühlt sich anders an
Ein Bild bekommt vielleicht keinen Kommentar. Aber fünf Menschen haben es geliked. Damit weiß der Fotograf immerhin: Das Bild wurde wahrgenommen. Es hat Menschen gefallen. Es hat eine Reaktion ausgelöst. Ohne Like sieht derselbe Fotograf vielleicht nur: Keine Kommentare. Keine Reaktion. Nichts. Dabei haben möglicherweise dieselben fünf Menschen das Bild gesehen und mochten es sogar. Sie hatten nur keinen Grund oder keine Zeit, einen Kommentar zu schreiben. Der Like macht diese ansonsten unsichtbare Resonanz sichtbar.
"Aber Liken ist doch viel bequemer"
Natürlich ist es das. Das soll es sogar sein. Nicht jede Form der Kommunikation muss gleich aufwendig sein. Wenn ein Nutzer 20 Minuten Zeit hat, kann er vielleicht fünf Bilder ausführlich kommentieren. Zusätzlich kann er aber noch 20 weitere Bilder ansehen und bei mehreren davon sein Gefallen ausdrücken. Nimmt man ihm die Like-Möglichkeit weg, entstehen daraus nicht plötzlich 25 Kommentare. Sehr wahrscheinlich bleiben es fünf Kommentare. Nur die zusätzlichen Reaktionen verschwinden. Die Community hat dadurch nichts gewonnen. Sie hat nur Interaktion verloren.
Nicht jedes Bild braucht noch einen weiteren Kommentar
Es gibt noch einen anderen Punkt. Unter einem Bild stehen vielleicht bereits acht Kommentare. Mehrere Nutzer haben schon geschrieben, dass ihnen Licht, Bildaufbau und Stimmung gefallen. Was soll der neunte Nutzer nun tun? Dasselbe noch einmal schreiben? "Schönes Bild." "Tolle Aufnahme." "Gefällt mir." Genau dafür gibt es einen Like. Er kann ausdrücken: "Ich sehe das genauso." Ohne dass der Nutzer einen Kommentar schreiben muss, der inhaltlich nichts Neues beiträgt.
Mehr Kommentare bedeuten nicht automatisch mehr Kommunikation
Das ist vielleicht der wichtigste Unterschied überhaupt. Wenn man Likes abschafft und Nutzer stattdessen schreiben: "Klasse!" "Schön!" "Tolles Foto!" "Gefällt mir!" dann steigt tatsächlich die Zahl der Kommentare. Aber ist die Community dadurch wirklich kommunikativer geworden? Eigentlich nicht. Man hat nur aus einem Klick einen geschriebenen Like gemacht. Ein Kommentar sollte dort entstehen, wo jemand tatsächlich etwas sagen möchte. Eine Frage. Eine Beobachtung. Eine persönliche Reaktion. Eine Idee. Eine Anregung. Eine Diskussion. Die reine Anzahl von Kommentaren sagt deshalb noch nichts darüber aus, wie viel echte Kommunikation stattfindet.
Menschen kommunizieren unterschiedlich
Nicht jeder fühlt sich wohl dabei, öffentlich einen ausführlichen Kommentar zu schreiben. Gerade neue Mitglieder kennen die anderen noch nicht. Manche sind zurückhaltend. Manche möchten niemandem ungefragt erklären, was an einem Foto besser gemacht werden könnte. Andere betrachten ein Bild und denken einfach: "Wow." Mehr müssen sie dazu gar nicht sagen. Ein Like ist für solche Menschen ein einfacher Einstieg in die Community. Heute ein Like. Morgen vielleicht ein Profilbesuch. Übermorgen der erste Kommentar. Kommunikation muss nicht immer sofort mit einem Absatz Text beginnen.
Ein Like kann der erste Schritt zu einem Kontakt sein
Gerade deshalb sollte man einen Like nicht als Ende einer Interaktion betrachten. Er kann der Anfang sein. Jemand reagiert auf dein Bild. Du wirst auf ihn aufmerksam. Du besuchst sein Profil. Er wird auf dich aufmerksam. Ihr reagiert gegenseitig auf Bilder. Irgendwann entsteht ein Gespräch. Vielleicht entwickelt sich daraus sogar ein dauerhafter Kontakt. So entstehen soziale Beziehungen in einer Community. Nicht immer durch einen langen ersten Kommentar. Manchmal durch einen einzigen kleinen Impuls.
Und was ist mit gegenseitigem Hochliken?
Natürlich gibt es Menschen, die möglichst viele Likes sammeln möchten. Natürlich gibt es Freundeskreise, die gegenseitig besonders häufig reagieren. Und natürlich können Likes inflationär vergeben werden. Aber das ist ein anderes Thema. Auch Kommentare können aus Gefälligkeit geschrieben werden. "Kommentierst du bei mir, kommentiere ich bei dir." Das Problem liegt dann nicht in der Existenz eines Like-Buttons. Es liegt darin, soziale Reaktion mit objektiver Bildqualität zu verwechseln. Deshalb unterscheiden wir bewusst zwischen verschiedenen Funktionen: Reaktionen zeigen, wie ein Bild auf einen Menschen wirkt. Bewertungen beziehungsweise Upvotes können für Ranglisten verwendet werden. Kommentare dienen dem Austausch. Drei unterschiedliche Dinge für drei unterschiedliche Zwecke.
Ein Like soll keine Bildanalyse sein
Manchmal wird argumentiert: "Ein Like sagt mir doch gar nicht, was an meinem Foto gut oder schlecht ist." Das stimmt. Aber das soll er auch nicht. Ein Like sagt: "Mir gefällt es." Wer erklären möchte, warum, kann kommentieren. Wer konstruktive Kritik geben möchte, kann kommentieren. Wer eine Frage hat, kann kommentieren. Der Like ersetzt diese Möglichkeiten nicht. Er ergänzt sie.
Die falsche Rechnung lautet: Ein Like ist ein verlorener Kommentar
Genau diese Vorstellung führt in die Irre. Ein Like ist nicht automatisch ein Kommentar, der nicht geschrieben wurde. Ein Like ist zunächst einmal eine zusätzliche Interaktion. Und diese Interaktion kann wiederum Neues auslösen: eine Benachrichtigung, einen erneuten Besuch, einen Profilaufruf, weitere betrachtete Bilder, weitere Reaktionen, einen Kommentar, eine Antwort, einen neuen Kontakt. Nicht aus jedem Like entsteht diese gesamte Kette. Das muss auch gar nicht passieren. Es reicht, wenn es häufig genug geschieht. Denn dann erhöht der Like die gesamte Aktivität der Community.
Der Like ist nicht der Feind des Kommentars
Die Behauptung "Liken ist einfacher als Kommentieren, deshalb wird wegen Likes weniger kommentiert" betrachtet nur einen winzigen Ausschnitt dessen, was tatsächlich passiert. Wer so denkt, übersieht die Menschen, die sonst gar nicht reagiert hätten. Er übersieht die Rückkehrer. Er übersieht Profilbesuche. Er übersieht Folgeaktionen. Er übersieht Kommentare, die später an anderer Stelle entstehen. Und er übersieht, dass ein soziales Netzwerk von genau solchen kleinen Impulsen lebt. Natürlich wünschen wir uns gute Kommentare. Natürlich ist ein persönlicher, durchdachter Kommentar wertvoll. Aber deshalb müssen Likes nicht verschwinden. Im Gegenteil. Eine lebendige Community braucht nicht weniger Möglichkeiten zur Interaktion, sondern mehr unterschiedliche. Manchmal ist es ein ausführlicher Kommentar. Manchmal eine kurze Antwort. Manchmal nur ein Bildaufruf. Manchmal ein Like. Und manchmal beginnt genau mit diesem einen kleinen Like ein Austausch, der ohne ihn niemals entstanden wäre.
Der Like ist deshalb nicht der Punkt, an dem Kommunikation endet. Es ist der Punkt, an dem sie überhaupt erst beginnt.